In vielen kleinen Stadttheatern frage ich mich oft: Wie schaffen sie es, ihre Tanz- und Performance-Reihen zu organisieren, wenn große Sponsorengelder ausbleiben? Ich habe in den letzten Jahren mehrere Häuser besucht, mit Intendantinnen, Produzentinnen, Tänzerinnen und Kulturverantwortlichen gesprochen und selber Programme kuratiert. Dabei sind mir mehrere, immer wiederkehrende Finanzierungsmodelle begegnet — nicht als Monolith, sondern meist als Kombination, die auf lokale Gegebenheiten zugeschnitten ist.
Lokale Förderlandschaft nutzen: Stiftungen, Kantone und Kulturfonds
Das erste, was ich klar gelernt habe: Man darf die offizielle Förderlandschaft nicht unterschätzen. In der Schweiz sind Pro Helvetia, kantonale Kulturförderungen und kommunale Kulturfonds oft kleine, aber verlässliche Geldgeber. Viele Stadttheater reichen Projektanträge für spezifische Reihen ein — etwa für eine experimentelle Tanzreihe oder eine Nachwuchsplattform. Solche Förderbeiträge sind meist zweckgebunden und bedeuten nicht immer Vollfinanzierung, aber sie geben Planungssicherheit und Legitimation gegenüber weiteren Partnern.
Konkrete Beispiele sind die Migros Kulturprozent für partizipative Formate oder kantonale Kulturbeiträge, die oft für Koproduktionen und Gastspiele eingesetzt werden. Für meine Recherchen habe ich gesehen, dass kleine Häuser, die systematisch Fördergelder beantragen und Berichterstattung professionell handhaben, durchschnittlich stabiler arbeiten.
Kooperationen mit lokalen Akteurinnen und Akteuren
Eine meiner liebsten Strategien sind partnerschaftliche Bündnisse: Schulen, Vereine, Musikschulen oder Quartierzentren werden als Ko-Veranstalter gewonnen. Diese Kooperationen bringen nicht nur ein Publikum, sondern auch Sachleistungen — Räume für Workshops, technische Ausstattung, ehrenamtliche Unterstützung.
Ich erinnere mich an ein Stadttheater, das seine Performance-Reihe mit einer lokalen Tanzschule verknüpft hat: Die Schule bot Probenräume, das Theater übernahm die Bühne und gemeinsam wurde ein Kinder- und Familienprogramm entwickelt, das neue Zielgruppen erschloss und zusätzliche kleine Zuschüsse ermöglichte.
Erprobte lokale Modellprojekte
Einige konkrete Projekte, die ich als besonders wirksam erlebe:
Crowdfunding und Community-Finanzierung
Crowdfunding-Plattformen wie Wemakeit oder internationale Plattformen wie Kickstarter sind für viele kleine Initiativen ein Bewährungsfeld. Ich habe erlebt, wie eine gut erzählte Kampagne nicht nur Geld, sondern auch Sichtbarkeit bringt. Entscheidend ist dabei, dass das Projekt eine klare Story, attraktive Dankeschöns (z.B. exklusive Proben, Namensnennungen, kleine Workshops) und eine Mobilisierung lokaler Netzwerke hat.
Ein Beispiel: Eine Tanzreihe finanzierte sich zu einem Drittel über eine Wemakeit-Kampagne, zu einem Drittel durch Direktspenden von Vereinsmitgliedern und zu einem Drittel über städtische Projektmittel. Die Kampagne schuf zugleich ein kleines Publikum, das in den Folgejahren wiederkam.
Mitgliedschaften, Freundeskreise und Micro-Patronage
Viele kleine Häuser arbeiten mit Freundeskreisen oder Mitgliedschaften. Für 50–200 CHF pro Jahr erhält man Rabatte, Einladungen zu Previews oder Namensnennungen im Programmheft. Diese wiederkehrenden Beiträge sind finanziell klein, aber planbar und bauen langfristige Bindung auf. Micro-Patronage-Plattformen wie Patreon eignen sich eher für langfristige Content-Strategien — Podcasts, Videodokumentationen oder regelmäßige digitale Performances — und können ergänzend wirken.
Eigenleistungen und In-Kind-Support
Oft wird die fehlende Finanzkraft durch Kreativität in der Ressourcenorganisation ausgeglichen. Ehrenamtliche Probenteams, geteilte technische Teams zwischen Häusern, reduced-fee-Angebote von Lokalrestaurants für Künstlerinnen — solche In-Kind-Leistungen haben eine enorm hohe praktische Bedeutung. In Gesprächen mit Produzentinnen wird mir immer wieder klar: Das Netz von Helferinnen und kleinen Dienstleisterinnen vor Ort ist ein Kapital, das sich monetär kaum ersetzen lässt.
Ticketstrategien, Preisgestaltung und Publikumspflege
Die richtige Preisstrategie macht einen Unterschied. Flexpreise, Abo-Modelle für Reihen, sowie Kombitickets mit anderen lokalen Kulturveranstaltungen erhöhen die Auslastung. Ich habe erlebt, dass gezielte Ermäßigungen für Junge, Seniorinnen und Studierende nicht unbedingt Einnahmen senken — häufig führen sie zu mehr Besucherinnen und langfristiger Bindung.
Modulare Produktionsformen und gemeinsame Kosten
Kleine Theater entwickeln oft modulare Formate: kürzere Laufzeiten, reduzierte technische Anforderungen, Touring-fähige Stücke, die in mehreren städtischen Räumen gezeigt werden können. Eine besonders clevere Methode ist die Koproduktion: Zwei oder drei Häuser teilen sich Gagen, Technik und Probenräume. Das reduziert Fixkosten und schafft zugleich Austauschmöglichkeiten zwischen Ensembles.
Finanzierungsquellen im Überblick
| Quelle | Stärken | Schwächen |
|---|---|---|
| Stiftungen & Kulturfonds | Planbar, professionell | Bürokratie, oft zweckgebunden |
| Kommunale/kantonale Unterstützung | Legitimation, lokale Verankerung | Politische Abhängigkeit, begrenzte Mittel |
| Crowdfunding | Sichtbarkeit, Community-Building | Einmalig, aufwändige Kampagnen |
| Mitgliedschaften/Freundeskreis | regelmäßige Einnahmen, Bindung | langfristiger Aufbau nötig |
| Kooperationen/Partnerschaften | Ressourcenteilung, Publikumserweiterung | Koordinationsaufwand |
| In-Kind-Support | hoher praktischer Wert | nicht finanziell |
Was funktioniert lokal besonders gut?
In kleineren Städten sind Netzwerke oft persönlicher und direkter. Ich empfehle deshalb: Investiert Zeit in lokale Beziehungen — zu Kulturverantwortlichen, Gastronomen, Schulen, Quartiervereinen. Entwickelt Formate, die auf lokale Bedürfnisse eingehen (z.B. partizipative Performances, Workshops). Kommuniziert transparent über Finanzierung — viele Menschen spenden lieber, wenn sie sehen, wofür ihr Geld konkret eingesetzt wird.
Außerdem lohnt sich Experimentierfreude: Ein hybrides Modell aus Projektförderung, Community-Finanzierung, Kooperationen und kreativer Kostenreduktion führt oft weiter als die Suche nach einem großen Sponsor. Die Balance ist persönlich und immer wieder neu auszuhandeln — genau das macht die Arbeit in kleinen Stadttheatern reizvoll und lebendig.