Als ich das erste Mal bewusst nach inklusiven Sport- und Bewegungsperformances suchte, war ich überrascht, wie schwer es ist, echte Teilhabe von bloßem Lippenbekenntnis zu unterscheiden. In meiner Arbeit für Secondofestival begegne ich häufig Produktionen, die sich mit Inklusion schmücken – doch die Bandbreite reicht von wirklicher Mitgestaltung bis zu symbolischen Gesten. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen, praktische Tipps und Kriterien, mit denen ihr als Zuschauerinnen und Zuschauer besser einschätzen könnt, ob eine Performance in eurer Region wirklich inklusiv ist und wie echte Partizipation aussieht.

Warum Inklusion im Sporttheater und Bewegung wichtig ist

Bewegung ist ein zutiefst körperlicher Ausdruck; sie berührt Identität, Selbstwirksamkeit und soziale Teilhabe. Wenn Performances inklusiv gestaltet sind, bieten sie Menschen mit unterschiedlichen Körperlichkeiten, Erfahrungen und Zugangsbedürfnissen die Möglichkeit, sichtbar und aktiv teilzuhaben. Inklusion verändert zudem die ästhetische Sprache: Regelmäßige Formate, die Menschen mit Behinderungen, älteren Menschen, migrantischen Communities oder Menschen ohne formale Tanz- oder Sportausbildung einbeziehen, erweitern das Vokabular von Bewegung und Performance.

Wo suche ich nach inklusiven Sport- und Bewegungsperformances?

In der Schweiz gibt es verschiedene Anlaufstellen, die ich regelmäßig checke:

  • Lokale Kulturzentren und Volkshochschulen (z. B. Pro Gym oder regionale Kulturhäuser): Sie veranstalten oft Community-basierte Projekte.
  • Inklusions- und Integrationsstellen der Städte und Kantone: Dort werden Projekte gefördert oder gelistet.
  • Netzwerke wie Performing Disability Arts oder Plattformen von Behindertenverbänden: Sie promoten inklusive Aufführungen.
  • Social Media und Newsletter von freien Compagnien: Auf Instagram entdecke ich regelmässig Projekte, die Mitwirkende suchen.
  • Sportvereine mit breitem Angebot (z. B. Special Olympics, Parasport-Clubs): Manche organisieren künstlerische Kooperationen mit Choreograf*innen.
  • Mein Tipp: Abonniert Newsletter, folgt lokalen Bühnen, Kulturstiftungen und inklusiven Initiativen. Oft werden Projekte noch nicht groß beworben — persönlicher Kontakt per E-Mail oder Telefon kann Türen öffnen.

    Woran erkenne ich echte Partizipation? Praktische Kriterien

    Hier sind Signale, die ich als verlässlich empfinde, wenn es um echte Partizipation geht:

  • Mitgestaltung statt Mitwirkung: Werden Teilnehmende als Co-Autorinnen oder -Autoren genannt? Haben sie Einfluss auf Inhalt, Form und Inszenierung oder sind sie nur “Darsteller” eines vorgefertigten Konzepts?
  • Längerfristige Einbindung: Projekte, die über einen einmaligen Workshop hinausgehen und Fortlauf, Wiederholung oder Community-Building anstreben, zeugen von Ernsthaftigkeit.
  • Barrierefreie Kommunikation: Sind Informationen in leichter Sprache, Gebärdensprache oder mit Untertiteln verfügbar? Gibt es eine Kontaktperson für Zugangsfragen?
  • Transparente Finanzierung und Honorierung: Werden Teilnehmende angemessen entlöhnt oder zumindest spürbar in den Projektetat eingebunden? Oder bleibt alles ehrenamtlich?
  • Reflexion und Feedback: Gibt es Formate, in denen Erfahrungen der Teilnehmenden sichtbar gemacht und in die Weiterentwicklung einbezogen werden?
  • Vielfalt im Team: Sitzen Menschen mit Behinderung, Migrantinnen, ältere Menschen oder Vertreterinnen der Zielgruppen in künstlerischer oder kuratorischer Verantwortung?
  • Fragen, die ihr Veranstalterinnen stellen könnt

    Ich habe gelernt, dass direkte Fragen viel klären. Hier einige, die ich selbst oft stelle:

  • Wer hat die Projektidee entwickelt?
  • Welche Rolle sollen die Teilnehmenden künftig spielen (Mitgestaltung, Beratung, Aufführung)?
  • Wie werden Zugänglichkeit und Barrierefreiheit konkret umgesetzt?
  • Gibt es Honorare, Reisekosten oder Ausgleichszahlungen?
  • Wie werden Rückmeldungen der Teilnehmenden dokumentiert und weiterverwendet?
  • Eine klare, offene Antwort ist ein gutes Zeichen. Ausweichende oder vage Antworten deuten darauf hin, dass das Thema noch nicht ernsthaft durchdacht ist.

    Beobachten während der Aufführung: Woran erkennt man Inklusion live?

    Während einer Performance schaue ich auf Details, die oft viel aussagen:

  • Sichtbarkeit: Werden die Beiträge aller sichtbar gemacht, oder sind einige Personen an den Rand gedrängt?
  • Sprachlichkeit und Präsentationsformen: Nutzt die Inszenierung verschiedene Ausdrucksformen (Audio, Text, Gebärde, Poesie, Sportbewegungen) gleichwertig?
  • Interaktion: Gibt es echte dialogische Momente, in denen das Publikum oder Teilnehmende mitgestalten, statt nur zugucken?
  • Räumliche Zugänglichkeit: Sind Besucherplätze, Bühnenhöhe, Orientierungshilfen und WC’s zugänglich?
  • Roter Faden: Zwischen Community-Arbeit und Kunstbetrieb

    Manche Projekte bewegen sich zwischen sozialer Arbeit und künstlerischem Anspruch. Das ist nicht per se schlecht — wichtig ist Transparenz. Wenn ein Projekt als Kunstprojekt firmiert, sollte es auch künstlerische Verantwortung übernehmen und Teilnehmende nicht nur als "Material" einsetzen. Wenn es soziale Ziele verfolgt, soll es diese offen kommunizieren und Ressourcen entsprechend einplanen.

    Tabelle: Zeichen echter Inklusion vs. symbolische Geste

    Zeichen echter Inklusion Symptom symbolischer Geste
    Teilnehmende in kuratorischer Rolle Teilnehmende nur als "Statist*innen" aufgeführt
    Barrierefreie Kommunikation und Infrastruktur Einmaliges Angebot, keine nachhaltige Zugänglichkeit
    Fest eingeplante Honorare und Ressourcen Keine finanzielle Anerkennung, Freiwilligkeit als Standard
    Langfristige Zusammenarbeit mit Communities Projekt als einmalige PR-Maßnahme

    Praktische Ressourcen und lokale Tipps

    In Zürich und Basel habe ich gute Erfahrungen mit inklusiven Initiativen gemacht, die gezielt Sport und Performance verbinden. Sucht nach Workshops von freien Compagnien, die explizit "inklusiv" und "partizipativ" ausschreiben. Kulturförderstellen (z. B. Pro Helvetia, Kantonskulturämter) listen oft geförderte Projekte, die ein Qualitätsvetrauensmerkmal darstellen. Für Barrierefragen sind Behindertenorganisationen und Kulturvermittlerinnen wertvolle Ansprechpartnerinnen.

    Wenn ihr selbst Teilhabe anstoßen wollt: Macht eure Bedürfnisse klar, vernetzt euch frühzeitig mit Veranstalterinnen und bringt konkrete Vorschläge (z. B. barrierefreie Raumausstattung, Honorarmodelle, verschiedene Ausdrucksformen). Community-basierte Plattformen wie Meetup oder lokale Facebook-Gruppen sind oft ein guter Startpunkt, um Gleichgesinnte und Veranstalter*innen zu finden.

    Ich beobachte immer wieder, wie inklusive Bewegungsperformances unsere Wahrnehmung von Sport und Ästhetik erweitern. Als Zuschauerin finde ich es bereichernd, mich aktiv zu informieren und kritisch, aber wohlwollend nachzufragen. So unterstützen wir Projekte, die echte Partizipation ermöglichen — und machen den Kulturraum unserer Region vielfältiger und zugänglicher.