Als Kulturjournalistin und Gründerin von Secondofestival begegne ich immer wieder Menschen, die an der Schnittstelle von Sport und Kunst arbeiten: Akrobatinnen, Tanzsportlerinnen, Parkour-Performerinnen, Synchronschwimmerinnen, Calisthenics-Künstlerinnen. Ihre Körper sind Medium und Material zugleich, ihre Proben teilweise Performance, teilweise Forschung. Wenn ich Interviews führe, suche ich nicht nach den üblichen Trainingsanekdoten oder der nächsten Medaille — ich will verstehen, wie Kreativität in einem körperlichen Beruf entsteht. Wie formen Ideen Bewegungen? Wie entstehen Formate, die sowohl sportlich als auch künstlerisch sind? Hier teile ich meine Herangehensweise, konkrete Fragen und kleine Methoden, die Interviews mit Sportkünstlerinnen tiefer und überraschender machen.
Warum das übliche Trainingsgespräch oft nicht reicht
Viele Gespräche beginnen mit: "Wie oft trainierst du?" oder "Was isst du vor dem Wettkampf?" Das sind legitime Fragen, aber sie liefern selten Einsichten in den kreativen Prozess. Sportkünstlerinnen denken nicht nur in Wiederholungen oder Leistungszielen, sondern in Bildern, Räumen, Beziehungen zum Publikum und in Entscheidungen darüber, was gezeigt und was verborgen wird. Wenn wir nur auf Trainingsdetails bestehen, verpassen wir die Ebenen, auf denen Konzepte entstehen: Improvisation, dramaturgische Entscheidungen, Verletzungsmanagement als ästhetisches Material, oder die Rolle von Technologie. Ich versuche, meine Fragen so zu gestalten, dass sie diese Ebenen ansprechen.
Vor dem Interview: Recherche mit Augen und Ohren
Mein erster Schritt ist immer Beobachtung. Ich schaue mir möglichst viel Material an: Live-Auftritte, Videodokumentationen, Probenfotos, Social-Media-Posts. Häufig erzählen kleine Details — ein wiederkehrendes Bild, ein wiederkehrender Sound, ein Räumliches Setting — viel über den Denkraum der Künstlerin. Aus diesen Beobachtungen notiere ich offene Fragen, keine Ja/Nein-Punkte. Manchmal frage ich auch Kolleginnen nach ihren Eindrücken oder lese Interviews aus verwandten Bereichen (Tanz, Performance, Design), um Vergleichspunkte zu haben.
Wie ich Fragen formuliere, damit sie zu Geschichten führen
Statt "Wie trainierst du?" frage ich:
Solche Fragen laden zu Anekdoten, zu Reflexionen über Entscheidungsprozesse und zu konkreten Bildern ein. Sie führen weg von Technik-Run-downs und hin zu Motivationen und künstlerischen Strategien.
Aufbau des Gesprächs: Von der Skizze zur Tiefe
Ich strukturiere Interviews oft in drei Teilen:
Beispielfragen, die mehr liefern als Klischees
Hier ein kleiner Katalog an Fragen, die sich in meinen Interviews bewährt haben. Sie sind flexibel — ich passe sie an Person und Kontext an.
| Frage | Wozu sie einlädt |
| „Erzähl mir von einem Moment in der Probe, der nicht nach Plan verlief — was geschah, und was habt ihr daraus gemacht?“ | Fehler als kreativem Material; Gruppenentscheidungen |
| „Wie verändert die Anwesenheit von Publikum deine Risikobereitschaft?“ | Spannung zwischen Performance und Training |
| „Welches Objekt oder welche Musik hast du zuletzt zum Ausgangspunkt einer Choreografie gemacht?“ | Inspirationquellen und Materialität |
| „Gibt es kulturelle oder politische Themen, die deine Bewegungswahl beeinflussen?“ | Ästhetik als politisches Statement |
Technische Mittel und Alltag — als Teil der Narration
Ich frage gezielt nach Praktischem: Wie dokumentiert die Künstlerin Proben? Nutzt sie Apps wie Notion, Voice Memos, oder einfach ein Notizbuch? Welche Rolle spielen Wearables (z. B. Apple Watch, Whoop) für Feedback? Diese Details erscheinen banal, geben aber viel Aufschluss: Sie zeigen, wie Konzept und Alltag zusammenwachsen, wie Daten Bewegungsentscheidungen beeinflussen und welche Tools als Erweiterung des Körpers dienen. Wenn eine Athletin etwa Motion-Capture oder einen tragbaren Sensor nutzt, lohnt sich eine Frage danach — nicht um Technik zu feiern, sondern um zu verstehen, wie Messbarkeit Kreativität formt.
Auf Augenhöhe: Sprache, Macht und Verletzlichkeit
Sportkünstlerinnen berichten oft von Verwundbarkeiten: Angst vor Verletzung, Körperkritik, finanzielle Unsicherheit. Ich nähere mich diesen Themen behutsam: offene Fragen, keine Sensationslust. Statt direkt nach Traumata zu fragen, frage ich nach Routinen, die Stabilität geben, oder nach Momenten, in denen sie Grenzen neu definiert haben. Wichtig ist Respekt: Ich lasse Pausen zu, gebe Zeit zum Nachdenken und wiederhole Fragen anders, wenn nötig. Das schafft Vertrauen — und echte Antworten.
Kollaboration statt Einzelkämpfertum
Viele kreative Entscheidungen entstehen im Dialog: mit Coaches, Bühnenbildnerinnen, Lichttechnikerinnen, Komponistinnen. Deshalb frage ich nach Arbeitsbeziehungen: Wer hat ein Mitspracherecht? Wie sieht ein typischer Austausch aus? Oft entstehen die spannendsten Einsichten, wenn Menschen beschreiben, wie sie Widerspruch aushalten und in produktive Bahnen lenken. Das macht das Bild vom einsamen Genie weniger dominant und rückt die sozialen Mechanismen kreativer Arbeit ins Zentrum.
Sprachliche Bilder und Metaphern als Zugang
Wenn technisches Vokabular nicht greift, bitte ich um Metaphern: „Wenn deine Performance eine Landschaft wäre, wie sähe sie aus?“ Solche Bilder öffnen Türen zu Sinnlichkeit und subjektiver Bedeutung. Ich sammle diese Metaphern als Zitate — sie sind oft das Herzstück eines Textes, weil sie unmittelbarer wirken als abstrakte Erklärungen.
Nachbereitung: Mehr als ein Danke
Ein Interview ist kein Einbahnverkehr. Ich schicke einen Dank, einen kurzen Textentwurf und frage nach Korrekturen. Manchmal entstehen so neue Gespräche oder Einladungen zu Proben. Außerdem archiviere ich Notizen und Zitate strukturiert — mit Stichworten zu Konzepten, Methoden und potenziellen Folgethemen. So bleiben die Erkenntnisse lebendig und können später in größere Recherchen einfließen.
Interviewen heißt für mich, Räume zu öffnen und Wege aufzuzeigen, wie körperliche Praxis zu Denken, Politik und Kunst wird. Sportkünstlerinnen verdienen Fragen, die neugierig machen, präzise sind und ihre Arbeit ernst nehmen — nicht als bloßen Hintergrund für Medaillen, sondern als eigenständige kulturelle Praxis. Ich lade dich ein, bei deinem nächsten Gespräch diese Perspektiven zu testen: Du wirst überrascht sein, wie viel Tiefe hinter der nächsten landenden Schraube steckt.