Als Festivalmacherin, die immer wieder zwischen Theaterbühnen, Konzertorten und Ausstellungsräumen pendelt, stelle ich mir bei der Planung eines hybriden Programms regelmäßig dieselbe Herausforderung: Wie bringe ich sportliche Performance, Musik und bildende Kunst so zusammen, dass keine Disziplin überdeckt wird und alle drei gleichwertig sichtbar bleiben? Das ist weniger eine Frage der Gattungen als eine Frage von Raum, Zeit, Sprache und Haltung. Im Folgenden teile ich meine erprobten Strategien, konkrete Praxis-Tipps und einige Stolpersteine, die man vermeiden sollte.

Verständnis schaffen: gemeinsame Begriffe und Erwartungen

Bevor ich an Spielpläne und Förderanträge denke, nehme ich mir Zeit, mit den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern ein gemeinsames Vokabular zu entwickeln. Für Sportlerinnen kann "Performance" primär körperliche Maximierung bedeuten, für Musiker oft temporale Dramaturgie und für bildende Künstlerinnen eine räumliche Installation. Ein kurzes gemeinsames Dokument mit Begriffserklärungen und Erwartungen hilft, Missverständnisse zu vermeiden und schafft Respekt für die unterschiedlichen Arbeitsweisen.

Curatorial Design: Formate, die Verknüpfen statt Aneinanderreihen

Ich verzichte bewusst auf das Schema "eine Disziplin pro Abend". Stattdessen setze ich auf Formate, die Verknüpfungen erzeugen:

  • Co-Performed Slots: ein kurzes Set, in dem Sportlerinnen mit Live-Musik interagieren und dabei in eine Installation eingebunden sind.
  • Residency-Phasen: Künstlerinnen aus verschiedenen Bereichen arbeiten über Tage zusammen und zeigen Zwischenschritte in einem offenen Studio.
  • Salonformate: Gespräche und Demonstrationen, moderiert, die den Prozess sichtbar machen und Publikum einladen, Fragen zu stellen.
  • Solche hybriden Formate erzeugen echte Begegnungen und oft überraschende dramaturgische Brücken.

    Raumkonzept: Architektur als dritter Partner

    Der Raum entscheidet oft darüber, welche Disziplin dominiert. Ich achte darauf, Räume so zu wählen oder zu adaptieren, dass sie keine Gattung favorisieren:

  • Flexible Infrastruktur: mobile Sitz- und Stehflächen, variable Bühnenhöhen, modular aufgebaute Installationen.
  • Akustische Trennung und Verbindung: Mit Vorhängen, mobilen Paneelen und Beschallungssystemen (z. B. Line-Array für Konzerte, Nahfeldmonitore für intime Sets) kann ich Bereiche schaffen, die gleichzeitig eigenständig und durchlässig sind.
  • Transparente Übergänge: Sichtachsen, durchlässige Wände oder Glas schaffen visuelle Verknüpfungen zwischen Ausstellung und Performancefläche.
  • Bei Open-Air-Formaten nutze ich natürliche Trennungen (Hügel, Bäume) und temporäre Bühnen, um Bewegung und Geräuschkulisse zu steuern.

    Programmier-Logistik: Zeitfenster, Lärmmanagement und Zugänglichkeit

    Ein hybrides Programm lebt von der Balance zwischen simultanen Ereignissen und gemeinsamen Momenten. Meine Regeln sind pragmatisch:

  • Kerntimeslots: Zwei bis drei "Schlüsselzeiten" pro Tag, in denen besondere Projekte präsentiert werden und die Besucherinnen gezielt angesprochen werden.
  • Ruhige Phasen: Nach lauten Performances plane ich bewusst ruhige Ausstellungszeitfenster ein, damit die bildende Kunst wirken kann.
  • Barrierefreiheit: Rampen, taktile Beschreibungen, Audiodeskriptionen und einfache Informationen in Schrift und Audio gehören von Anfang an ins Budget.
  • Bei Lärmbeschränkungen arbeite ich mit Schalldämpfung, Ausweichflächen und präziser Lautstärkemessung, damit gleichzeitig stattfindende Events sich nicht gegenseitig stören.

    Finanzierung & Partner: Förderlogik für interdisziplinäre Projekte

    Für hybride Programme ist es wichtig, Finanzierung aus verschiedenen Töpfen zu kombinieren: Kulturförderung, Sportförderung, städtische Projektgelder und private Sponsoren. Meine Vorgehensweise:

  • Mehrgleisiges Funding: Anträge so formulieren, dass jede Disziplin ihre Förderkriterien wiederfindet (z. B. sportliche Förderung für Bewegungsresidenzen, Kulturfonds für Ausstellungen).
  • Wertschöpfung sichtbar machen: Ich dokumentiere Prozess, Publikumsergebnisse und pädagogische Effekte, weil das Fördergeber überzeugt, die Wirkung über das einzelne Ereignis hinausgeht.
  • Kooperationen: Sportvereine, Musiklabels und Galerien sind oft bereit, Ressourcen (Ort, Technik, Personal) beizusteuern, wenn sie Partizipation und Sichtbarkeit erhalten.
  • Artistische Zusammenarbeit: Briefings und Freiräume

    Ich arbeite mit Künstlerinnen nach dem Prinzip "Rahmen statt Vorgaben". Ein kurzes, präzises Briefing beschreibt Zielgruppe, Raum, Dauer, technische Möglichkeiten und finanzielle Bedingungen. Gleichzeitig lasse ich genügend künstlerische Freiheit, damit genuine Experimente möglich sind. Praktische Tools, die sich bewährt haben:

  • Shared Moodboards (Pinterest, Miro) zur Inspiration
  • Technische Riders in einfacher Sprache
  • Workshops vor Ort, um die Formate zu testen
  • Wenn Sportlerinnen und Musikerinnen gemeinsam proben, setze ich externe Moderation oder eine künstlerische Leitung ein, die interdisziplinäre Kommunikation unterstützt.

    Publikum: Vermittlung und Erwartungsmanagement

    Ein hybrides Festival zieht unterschiedlichste Publikumsschichten an. Meine Kommunikationsstrategie zielt auf Transparenz:

  • Klare Programmtexte: Für jede Veranstaltung erkläre ich Form, Dauer, körperliche Anforderungen (z. B. Anstrengungsgrad, Mitmachen) und Altersbeschränkungen.
  • Storytelling: In Newslettern und Social Media erzähle ich die Geschichten hinter den Projekten — wie entstand die Kooperation zwischen Marathonläuferin und Klangkünstlerin?
  • Partizipation: Niederschwellige Angebote (Offene Proben, DIY-Werkstätten) binden neue Zielgruppen ein.
  • Ticketing: Kombi-Tickets für mehrere Formate und ermäßigte Tagespässe fördern das Erproben von Disziplinen, die Besucherinnen sonst nicht wählen würden.

    Technik & Sicherheit: Details, die den Unterschied machen

    Technik ist bei hybriden Formaten kein Luxus, sondern Grundlage. Ich arbeite eng mit Technikerinnen, Bühnenbildnern und Sicherheitsbeauftragten zusammen. Wichtige Punkte:

  • Rigging und Bühnenbelastung: Sportliche Performances erfordern andere Lastenberechnungen als Konzerte.
  • Medientechnik: Mehrkanal-Audio, In-Ear für choreografische Signale, projection mapping für Installationen.
  • Sicherheitskonzept: Erste Hilfe, Notfallpläne für Outdoor-Events, Versicherung für Teilnehmende.
  • Meine Technik-Checkliste wird bei jeder Produktion durchgesprochen und protokolliert — so entstehen keine Überraschungen am Aufführungstag.

    Dokumentation und Nachhaltigkeit

    Ein hybrides Festival ist nicht nur Event, sondern auch Ressource: für zukünftige Projekte, Forschung und für die Künstlerinnen selbst. Deswegen investiere ich in gute Dokumentation:

  • Multimediale Archive: Video-, Audio- und Fotodokumentation mit klaren Nutzungsrechten.
  • Evaluation: Besucherumfragen, Künstlerfeedback, quantitative Daten (Zahlen, Reichweite).
  • Nachhaltigkeit: Materialkreislauf für Bühnenbilder, CO2-Bilanzierung, lokale Versorgung (Catering, Technikparks) — diese Aspekte kommuniziere ich offen, weil sie Teil der Programmethik sind.
  • So werden hybride Formate langfristig lernbar und reproduzierbar.

    Beispielhafter Tagesplan

    10:00Offenes Studio: Bewegungsresidenz (Sport + Bildende Kunst)
    12:30Lunch-Kurzkonzert: elektroakustische Musik im Ausstellungsraum
    15:00Salon: Gespräch zwischen Choreographin, Komponist und Kuratorin
    18:00Performance: Live-Musik trifft akrobatische Sequenz auf temporärer Bühne
    20:30After-Show: begehbare Installation mit DJ-Set und Licht

    Diese Mischung erlaubt es dem Publikum, zwischen Beobachtung, direkter Teilnahme und Reflexion zu wechseln — und den Künstlerinnen, ihre Arbeiten in verschiedenen Kontexten zu erproben.