Als jemand, die häufig zwischen Konzertsälen, Proberäumen und Ausstellungshäusern pendelt, habe ich mich in den letzten Jahren immer wieder mit der Frage beschäftigt: Wie verhandle ich mit einem regionalen Musiklabel wie Audiolith eine faire Gemeinschaftsresidenz für elektronische Komponistinnen und Tanzathletinnen? In diesem Artikel teile ich meine Erfahrungen und praktische Schritte — von der Idee über das Gespräch mit dem Label bis zu konkreten Vertragsklauseln und Evaluationskriterien.

Warum eine Gemeinschaftsresidenz zwischen Elektronik und Tanz?

Für mich liegt die Stärke einer solchen Residency darin, disziplinübergreifende Räume zu schaffen. Elektronische Komponistinnen bringen Klang- und Technikexpertise, Tanzathletinnen bewegen Körper und Raum. Gemeinsam entstehen Formate, die weder in reinen Clubkontexten noch in traditionellen Tanzstudios ohne weiteres passieren würden. Labels wie Audiolith verfügen oft über Netzwerke, Produktionsknow-how und eine Community — das kann Gold wert sein, wenn die Zusammenarbeit klar und fair geregelt ist.

Vorbereitung: Was ich vor dem Erstkontakt kläre

Bevor ich ein Label anspreche, mache ich mir Gedanken zu folgenden Punkten:

  • Konkretes Ziel der Residency (Recherche, Uraufführung, Publikumsentwicklungsprojekt)
  • Dauer und Rhythmus (z. B. 4 Wochen intensiv oder drei Wochenenden über sechs Monate)
  • Benötigte Infrastruktur (Studio, PA, Mixing-Desk, Tanzboden, Kamera, Lichttechnik)
  • Budgetrahmen und Honorarforderungen für Künstlerinnen, Technikerinnen, Kuratorinnen
  • KLarheit über Rechte (Wer besitzt Masteraufnahmen, choreographische Rechte, Nutzungsrechte für Dokumentationen?)
  • Diese Vorarbeit hilft, das Gespräch auf Augenhöhe zu führen — Labels schätzen, wenn Partner vorbereitete, realistische Vorschläge bringen.

    Das Gespräch mit dem Label: Ton, Argumente, Verhandlungsposition

    Beim ersten Meeting wähle ich einen kooperativen, aber bestimmenden Ton. Wichtige Argumente, die ich anführe:

  • Win-win-Perspektive: Das Label gewinnt neue Inhalte, Sichtbarkeit in anderen Szenen und potenziell neue Publikumsschichten.
  • Messbare Ziele: z. B. Anzahl Showcase-Abende, Releases, Social-Media-Reichweite, Workshops.
  • Nachhaltigkeit: Langfristige Partnerschaft statt One-Off — das wirkt attraktiver für Labels, die in Community-Building investieren wollen.
  • Fairness: Klare Honorare, Reisekosten, Unterkunft und technische Unterstützung sind keine Extras, sondern grundlegende Standards.
  • Ich vermeide vage Versprechen und frage direkt nach ihrem Erwartungsbild: Welche Ressourcen können sie bereitstellen? Welche Formate bevorzugen sie? Wo sehen sie Grenzen?

    Wichtige Vertragspunkte, die ich verhandle

    Ein fairer Vertrag ist essenziell. Folgende Punkte sollten zwingend ausgehandelt werden — ich habe sie oft in Checklistenform verwendet:

    Bereich Konkreter Vorschlag
    Honorare Festes Honorar pro Teilnehmerin + Tagessatz für Technikerinnen. Auszahlung zeitnah nach Leistung.
    Reisekosten & Unterkunft Ticketkosten, Fahrspesen, ggf. Hotelübernachtungen abgedeckt oder Pauschale vereinbart.
    Infrastruktur Zugang zu Studio, Equipmentliste, definierte Technikzeiten, Lagerraum.
    Rechte & Veröffentlichungen Klare Regelung: Wer darf Aufnahmen veröffentlichen? Revenue-Sharing oder Lizenzmodelle.
    Credits & Promotion Verbindliche Nennung aller Beteiligten, Promomaterialien, Social-Media-Pläne.
    Haftung & Versicherung Regelungen zur Versicherung von Personen und Equipment, Haftungsfreistellung für bestimmte Risiken.
    Evaluierung Meilensteine, Feedbackrunden, Abschlussbericht mit Zahlen & qualitativen Erkenntnissen.

    Faire Finanzmodelle: Honorare, Erlöse, Kostenaufteilung

    Wenn es um Geld geht, empfehle ich Transparenz. Folgende Modelle haben sich bewährt:

  • Flatrate-Honorar für die Residency + prozentuale Beteiligung an Erlösen (z. B. Verkauf von Releases oder Ticketing)
  • Gemeinsames Crowdfunding: Label unterstützt Infrastruktur, Community finanziert Teile der Honorare.
  • Förder-Anträge gemeinsam schreiben: Kulturförderungen (lokal oder kantonal) können Deckungslücken schließen.
  • Wichtig ist: Kostenaufteilung sollte vor Beginn fixiert werden. Sonst entsteht schnell Frust, wenn ein Konzert kurzfristig Einnahmen bringt — wer hat Anspruch auf was?

    Inklusion, Diversität und Barrierefreiheit

    Eine faire Residency ist mehr als Geld. Ich achte darauf, dass:

  • Teilnehmerinnen aus verschiedenen Hintergründen gefördert werden (Gender, Migrationsgeschichte, unterschiedliche Körperlichkeiten).
  • Barrierefreiheit im Raum gewährleistet ist (z. B. stufenfreie Zugänge, taktile Markierungen, barrierefreie Toiletten, Audiodeskriptionen wenn nötig).
  • Flexible Arbeitszeiten möglich sind — viele Tanzathletinnen brauchen andere Tagesrhythmen als Studiotechnikerinnen.
  • Labels sollten bereit sein, Mehraufwand für Accessibility zu unterstützen. Das ist keine Nice-to-have, sondern Teil fairer Kulturarbeit.

    Programmgestaltung: Wie ich künstlerische Freiheit und Struktur ausbalanciere

    Ich bevorzuge eine Mischung aus freier Forschung und klaren Präsentationsformaten:

  • Open Labs: Offene Probephasen, zu denen Publikum eingeladen ist.
  • Work-in-Progress-Shows: Kurzaufführungen mit anschließender Diskussion — wichtig für Feedback und Community-Aufbau.
  • Technische Workshops: gemeinsame Sessions mit Tontechnikern des Labels, um Know-how zu teilen (z. B. Modular-Synth-Setup, Ableton-, Max/MSP-Workflows).
  • Abschluss: Release (EP, Live-Set-Recording) oder Performance-Event, das klar kommuniziert und beworben wird.
  • Ich achte darauf, dass die Residency genug Freiräume für Scheitern hat — das ist oft der Nährboden für echte Innovation.

    Dokumentation und Verwertung

    Transparente Regeln zur Dokumentation sind essenziell. Ich verhandle gerne folgende Punkte:

  • Wer darf Material für Promotion verwenden?
  • Wie werden Revenue-Splits bei Releases oder Streaming geregelt?
  • Was passiert mit Rohmaterial nach Projektende?
  • Wenn das Label anbietet, die Master zu hosten oder eine EP zu veröffentlichen, verlange ich einen klaren Vertrag mit fairen Prozentsätzen und Rückkaufsoptionen für die Künstlerinnen.

    Evaluation: Wie ich den Erfolg messe

    Gemeinsame Evaluationskriterien sollten bereits im Vertrag stehen. Beispiele:

  • Quantitativ: Anzahl Besucherinnen, Streams, Social-Media-Impressions, Medienberichte.
  • Qualitativ: Feedback von Teilnehmerinnen, Publikum, Kooperationen, Weitervermittlungen.
  • Nachhaltigkeit: Entstehen Folgeprojekte, Releases, dauerhafte Netzwerke?
  • Ich empfehle mindestens eine formelle Feedbackrunde während der Residency und einen Abschlussbericht, der sowohl Zahlen als auch Narrative zusammenführt.

    In Verhandlungen mit einem regionalen Label geht es am Ende weniger um Machtspiele als um Klarheit, Respekt und geteilte Verantwortung. Wenn alle Seiten transparent arbeiten — über Ressourcen, Erwartungen und Rechte — kann eine Gemeinschaftsresidenz zu einem Leuchtturmprojekt werden, das elektronische Musik und Tanz auf neue Weise miteinander verbindet.