Wenn ich partizipative Bewegungsperformances mit lokalen Vereinen plane, dreht sich ein großer Teil meiner Vorarbeit um Versicherungs- und Sicherheitsfragen. Solche Formate sind wunderbar, weil sie Gemeinschaft schaffen und Menschen in Bewegung bringen — sie sind aber auch anfällig für Risiken, weil sie im öffentlichen Raum stattfinden, verschiedene Erfahrungsstufen der Teilnehmenden treffen und manchmal ungewohnte physische Anforderungen stellen. In diesem Beitrag teile ich meine konkreten Fragen, meine Praxis und einige nützliche Tools, die mir helfen, Risiken zu minimieren und zugleich das kreative Potenzial zu bewahren.
Warum Versicherungs- und Sicherheitsfragen von Anfang an kommen müssen
Bevor ich überhaupt ein Konzept finalisiere, bespreche ich Sicherheit und Versicherung. Warum? Weil diese Themen den Rahmen setzen: Welchen Raum kann ich wählen, welche Übungen sind verantwortbar, welche Alters- oder Fitnessgruppen kann ich einbeziehen? Wenn ich diese Aspekte erst nachträglich bedenke, entstehen oft Kompromisse, die die künstlerische Intention oder die Teilnehmenden gefährden.
Mit wem spreche ich zuerst?
Ich kontaktiere in der Regel frühzeitig folgende Akteur*innen:
den/de Vereinsvorstand oder die Leitung der Vereinsabteilungendie örtliche Gemeinde / das Kulturamtdie Hausverwaltung oder die Betreiberin des Raums (Halle, Turnsaal, Off-Space)meine eigene Versicherungsberaterin oder -gesellschaftbei Bedarf eine fachkundige Sicherheits- oder UnfallpräventionsstelleDiese Gespräche geben mir schnell Aufschluss über bestehende Versicherungen, Gebäuderegelungen oder Auflagen seitens der Gemeinde.
Versicherungsfragen, die ich klar kläre
Ich stelle mir und den Partnern standardmäßig folgende Fragen — und ich empfehle allen Veranstalter*innen, dieselben Punkte schriftlich festzuhalten:
Existiert eine Haftpflichtversicherung für den Verein? Viele Sportvereine sind über kantonale oder nationale Verbände (z. B. Swiss Olympic, kantonale Sportverbände) versichert. Ich frage nach dem Versicherungsschein und den gedeckten Risiken.Welche Deckungssummen gelten? Bei Kulturanlässen ist es wichtig zu wissen, ob die Deckungssumme für Personen- und Sachschäden ausreichend ist (z. B. mehrere Millionen Franken).Gilt die Versicherung auch für externe Veranstalter*innen? Manche Policen decken nur vereinsinterne Aktivitäten. Wenn nicht, muss ich als Veranstalterin eine eigene Veranstalterhaftpflicht oder eine Ergänzungsversicherung abschliessen.Wer ist Organisatorin laut Versicherungspapieren? Das ist entscheidend für Haftungsfragen: der Verein, die Gemeinde, ich als Produzentin oder ein Verein gemeinsam mit mir?Gibt es Unfallversicherungen für Teilnehmer*innen? Sportvereine haben oft eine obligatorische Unfallversicherung für Mitglieder; für externe Teilnehmende (z. B. Projektteilnehmende ohne Vereinsmitgliedschaft) ist das nicht immer der Fall.Deckt die Versicherung Schimmel, Schäden an Mieträumen oder Materialverlust? Wenn wir mit Mieträumen, Bühnenbildern oder Technik arbeiten, möchte ich wissen, wer für Schäden aufkommt.Gilt die Versicherung auch bei Outdoor-Aktivitäten? Wetterbedingte Risiken oder unebenes Gelände können ausschlaggebend sein.Welche vertraglichen Pflichten entstehen durch die Versicherung? Manche Policen verlangen Sicherheitsmassnahmen (Sicherheitskonzept, Anwesenheit von Ersthelfer*innen, Notfallplan) als Voraussetzung.Sicherheitsfragen, die ich vor Ort prüfe
Versicherung ist das eine — konkrete Sicherheitsbedingungen vor Ort das andere. Meine Standardfragen bei einer Begehung:
Wie ist die Zugänglichkeit (Rettungswege, Anlieferung, Parkplätze)?Gibt es rutschfeste Böden, geeignete Beläge oder müssen Matten/Beläge gemietet werden?Wie ist die Hang- oder Gefälle-Situation im Aussenraum? Gibt es Absturzstellen?Welche Belastungsgrenzen hat der Boden/die Bühne? (Bei mobilen Bühnen oder Tribünen besonders wichtig)Existieren brandschutztechnische Vorgaben (Feuerlöscher, max. Anzahl Personen, Raucherverbote)?Wo ist der nächste Sanitätsdienst / Notfallausgang und wer ist für medizinische Notfälle verantwortlich?Gibt es spezifische Lärm- oder Nutzungsauflagen seitens der Gemeinde, Nachbarn oder eines Denkmalschutzes?Teilnehmendenmanagement: Info, Einverständnis und Screening
Partizipative Formate leben von Freiwilligkeit und Diversität — das bringt aber auch unterschiedliche Fitness- und Gesundheitszustände mit sich. Darum frage ich:
Wie informieren wir Teilnehmende über körperliche Anforderungen? Ich erstelle klare Teilnahmehinweise (z. B. "Die Performance enthält einfache akrobatische Elemente; Teilnahme ist nicht empfohlen bei Herzproblemen, Schwangerschaft").Brauchen wir eine schriftliche Einverständniserklärung oder einen Haftungsausschluss? In der Schweiz kann ein vollständiger Haftungsausschluss rechtlich schwierig sein; ich nutze deshalb eher eine Information und eine Versicherungspflicht für Organisator*innen.Führen wir ein kurzes Health-Screening oder eine Selbsteinschätzung vor Beginn durch? Ein kurzes Formular ("Haben Sie Gesundheitsprobleme, Medikamente, Allergien?") kann lebensrettend sein.Wie regeln wir Minderjährige? Bei Teilnahme von Kindern/ Jugendlichen frage ich nach Elternfreigaben und ob Trainer*innen des Vereins anwesend sind.Technik, Material und externe Dienstleister
Technik ist ein grosser Risikofaktor: Beleuchtung, Beschallung, mobile Geräte. Ich kläre:
Wer montiert Technik? Nur qualifizierte Fachpersonen (z. B. Bühnenbauer, Tontechniker) sollten komplexe Installationen übernehmen.Sind die verwendeten Materialien geprüft (Stromkabel, Gaffer Tape, Matten mit Brandschutzklasse)?Gibt es Lastenpläne für Hängungen? Welche Zertifikate haben Rigging-Teile?Sind Fremdfirmen lückenlos versichert (Betriebshaftpflicht)?Notfallplanung: minimal, aber praktikabel
Ich erstelle einen kompakten Notfallplan, der für alle Beteiligten zugänglich ist:
Wer ruft den Notfalldienst? Wer übernimmt die Erstversorgung?Wo findet die Sammelstelle statt bei Evakuation?Welche Telefonnummern und Ansprechpartner*innen sind relevant (Veranstalterin, Vereinsverantwortliche, Gemeinde, Technikdienst)?Gibt es ein Kommunikationsmittel (z. B. Funkgeräte oder eine WhatsApp-Gruppe) für schnelle Absprachen?Verträge und schriftliche Absicherungen
Alles, was wichtig ist, halte ich schriftlich fest. Typische Vereinbarungen:
Kooperationsvertrag mit dem Verein: Aufgaben, Haftung, Versicherungsstatus, FinanzenMietvertrag mit der Location: Nutzung, Hausordnung, VersicherungspflichtenTechnikverträge mit Dienstleister*innen: Haftung, AbnahmeprotokollTeilnahmebedingungen und -hinweise für Publikum/TeilnehmendePraktische Tools und Adressen, die ich nutze
Ein paar Hilfsmittel, die mir das Leben erleichtern:
Checklisten (ich arbeite gerne mit digitalen Vorlagen in Google Docs oder Notion, damit alle Partner*innen live zugreifen können)Versicherungsanbieter mit Kultur- und Veranstaltungs-Expertise (in CH z. B. AXA, Helsana für Unfälle; es gibt spezielle Kulturpolicen bei lokalen Maklern)Erste-Hilfe-Sets, Notfalltaschen und ein AED (Defibrillator) — viele Gemeinden haben AEDs öffentlich zugänglich; ich mache mich vorab schlau, wo der nächste hängt.Miet-Equipment: Bei Firmen wie Rent a Stage oder lokalen Bühnenverleihern finde ich geprüfte Matten, Rigging und TribünenMeine Tipps für entspanntes Arbeiten
Zum Schluss ein paar Pragmatiken, die meine Projekte retten:
Früh klären und dokumentieren — das spart später Nerven.Transparenz mit Teilnehmenden: Offene Kommunikation über Risiken schafft Vertrauen.Trainings und Proben: Besser zu viel Zeit für Warm-up und Techniktests einplanen als zu wenig.Netzwerken: Ich pflege Beziehungen zu lokalen Vereinen und Ämtern — diese Beziehungen sind oft die effektivste Versicherung.Flexibilität: Ein gutes Sicherheitskonzept erlaubt kreative Anpassungen ohne Drama.Wenn du magst, kann ich dir meine Checkliste als PDF oder eine Template-Vorlage für einen Kooperationsvertrag zuschicken. Für konkrete Projekte prüfe ich auch gerne mitdir gemeinsam, welche Versicherungen sinnvoll sind — oft lassen sich mit kleinen Maßnahmen grosse Risiken bannen, sodass die Performance frei atmen kann.