Partizipative Bewegungsperformances wecken bei mir immer sofort Neugier: Die Idee, Teil einer kollektiven Choreografie oder eines performativen Experiments zu sein, ist reizvoll. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass nicht jede Aufforderung zur Teilnahme automatisch inklusiv oder sicher ist. Bevor ich mich irgendwo anmelde, frage ich gezielt nach — und beobachte mit wachem Blick. In diesem persönlichen Text teile ich meine Kriterien, Fragen und praktischen Tipps, damit du besser einschätzen kannst, ob eine partizipative Performance wirklich zu dir passt.

Was meine ich mit „inklusive“ und „sicher“?

Für mich bedeutet inklusive, dass Veranstalter*innen bewusst Barrieren abbauen — physisch, kommunikativ und sozial. Es geht nicht nur um Rampen oder barrierefreie Toiletten, sondern um Haltung: Werden unterschiedliche Körper, Fähigkeiten, Altersgruppen und kulturelle Hintergründe willkommen geheissen und berücksichtigt? Sicher bedeutet für mich, dass das Risiko physischer oder psychischer Belastungen minimiert wird, dass klare Informations- und Meldewege vorhanden sind und dass Teilnehmende informiert entscheiden können (informierte Einwilligung).

Die ersten Infos, die ich suche

Bevor ich mich anmelde, schaue ich mir die Ausschreibung genau an. Oft sind schon hier wichtige Hinweise versteckt — oder fehlen auffällig.

  • Gibt es eine klare Beschreibung des Bewegungsgrades? (z. B. «stehend, einfache Schritte», «intensive körperliche Anstrengung»)
  • Wer ist die Zielgruppe — alle ab 16, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Familien? Steht etwas von «offen für alle» ohne nähere Spezifikation?
  • Gibt es Angaben zu Barrierefreiheit des Ortes? (Zugang, Toiletten, Sitzmöglichkeiten)
  • Wer sind die Leiter*innen/Choreograf*innen? Gibt es Kontaktdaten für Rückfragen?
  • Wie ist die Dauer, wie viele Teilnehmende werden erwartet?

Konkrete Fragen, die ich per E‑Mail oder Telefon stelle

Wenn die Ausschreibung unklar ist, schreibe ich oder rufe an. Diese Fragen haben mir schon oft geholfen, unangenehme Überraschungen zu vermeiden:

  • Welche körperlichen Anforderungen gibt es konkret? Gibt es Alternativen oder vereinfachte Bewegungsoptionen?
  • Sind Hilfsmittel oder Assistenz erlaubt (Rollstühle, Gehhilfen, Blindenhunde)?
  • Wie wird mit persönlichen Grenzen und Ablehnung von Berührung umgegangen?
  • Gibt es eine Einführungsveranstaltung oder Probestunde?
  • Wer ist vor Ort für Sicherheitsfragen zuständig? Gibt es einen*e Ansprechperson während der Veranstaltung?
  • Wie wird mit Notfällen oder Verletzungen verfahren? Besteht eine Versicherung für Teilnehmende?
  • Welche Hygiene-/Gesundheitsregeln gelten (aktuelle Infektionslage berücksichtigen)?

Beobachte die Kommunikation — sie sagt viel über die Haltung aus

Sprache verrät die kulturpolitische Haltung der Projektverantwortlichen. Achte auf Formulierungen: Wird von «Barrierefreiheit» gesprochen oder nur von «Zugang auf Anfrage»? Werden pronomeninklusive Formulierungen verwendet? Gibt es Hinweise auf Übersetzungen, Leichte Sprache oder taktile Unterstützung? Wenn alle Texte standardmäßig Bilder von jungen, athletischen Menschen zeigen, ist das ein Hinweis darauf, dass Diversität nicht aktiv gedacht wurde.

Wie partizipativ ist die Partizipation?

Ein häufiges Missverständnis: «partizipativ» bedeutet nicht automatisch, dass Teilnehmende echte Mitbestimmung haben. Ich frage deshalb:

  • Wer entscheidet über Ablauf, Inhalte oder Musik — die Leitung oder die Gruppe gemeinsam?
  • Gibt es Mechanismen, um Feedback während der Proben oder Aufführungen einzubringen?
  • Wer trägt die künstlerische Verantwortung und wie viel Freiraum haben die Teilnehmenden?

Physische Sicherheit: Worauf ich achte

Bei Bewegungsperformances sind physische Risiken relevant. Tipps, die mir geholfen haben, körperliche Sicherheit einzuschätzen:

  • Gibt es Aufwärm- und Abkühlphasen? Werden grundlegende Techniken vermittelt?
  • Wie groß sind die Gruppen – je kleiner, desto besser lässt sich auf einzelne Bedürfnisse eingehen.
  • Ist der Boden geeignet (rutschfest, eben)? Gibt es Werkzeug oder Requisiten, die Risiken bringen können?
  • Sind Hilfspersonen oder qualifizierte Betreuer*innen (z. B. mit Erste-Hilfe-Kenntnissen) vor Ort?

Psychische Sicherheit, Emotionen und Trauma

Manche partizipative Formate arbeiten mit Erinnerungen, Intimität oder emotional aktivierenden Tasks. Ich frage dann:

  • Werden Trigger-Warnungen gegeben? Gibt es Inhalte, die emotional belastend sein könnten?
  • Gibt es Regeln zum Umgang mit persönlichen Geschichten (z. B. Vertraulichkeit)?
  • Besteht die Möglichkeit, sich zurückzuziehen oder still zu beobachten ohne Druck zur Teilnahme?
  • Falls Nähe oder Berührung Teil der Performance sind: Wie wird ausdrücklich und aktiv um Einverständnis gebeten?

Barrierefreiheit — nicht nur Rampen

Barrierefreiheit ist vielschichtig. Neben Zugänglichkeit des Ortes frage ich nach:

  • Gibt es Übersetzungen (z. B. Gebärdensprache), Untertitel oder taktile Beschreibungen?
  • Werden Materialien in einfacher Sprache oder in grossem Druck angeboten?
  • Können Begleitpersonen kostenlos teilnehmen? Gibt es Sitzplätze für Menschen, die nicht stehen können?
  • Ist das Team sensibilisiert im Umgang mit Assistenzbedarf?

Tabelle: Meine Checkliste vor der Anmeldung

Frage Was ich suche
Körperliche Anforderungen Klare Beschreibung; Alternativen vorhanden
Barrierefreiheit Zugang, Toiletten, Hilfsmittel, Assistenz möglich
Psychische Sicherheit Trigger-Warnungen, Rückzugsoptionen, Vertraulichkeit
Kontakt & Verantwortung Klare Ansprechpersonen, Notfallplan, Versicherung
Grad der Partizipation Mitbestimmung möglich, Feedbackprozesse

Vor Ort: Was ich beobachte

Wenn ich dann das erste Mal dort bin, beobachte ich die Umgebung und das Team:

  • Wie werden Neuankommende empfangen? Gibt es ein Check‑in, das auch Bedürfnisse abfragt?
  • Wie reagiert das Team auf individuelle Fragen? Kommt es zu beschwichtigenden Antworten oder wird ernsthaft nach Lösungen gesucht?
  • Wie sind Nähe und Berührung organisiert — wird jedes Einverständnis vorher klar eingeholt?
  • Fühle ich mich eingeladen, meine Grenzen zu setzen? Wird das respektiert?

Wenn etwas nicht stimmt: Meine Handlungsoptionen

Ich war einmal in einer Performance, in der plötzlich intensive Körperkontakte gefragt waren, ohne das vorher explizit zu kommunizieren. Ich fühlte mich überrollt — und habe sofort die Leiterin angesprochen. Ihre Reaktion war entscheidend: Sie hörte zu, bot eine alternative Rolle an und entschuldigte sich, weil sie die Teilnehmenden nicht ausreichend informiert hatte. Wenn du dich unwohl fühlst, hast du Optionen:

  • Spreche die Leitung an und schildere konkret dein Unbehagen.
  • Ziehe dich zurück oder wechsle in eine Beobachter*innenrolle.
  • Wenn es ernst ist, verlasse die Veranstaltung und notiere dir Namen und Umstände für eine spätere Beschwerde.
  • Dokumentiere Vorfälle, wenn nötig — Fotos, Zeitstempel, Zeug*innen können helfen.

Praktische Ressourcen, die mir helfen

Ich nutze oft Checklisten von Behindertenorganisationen oder Kopiervorlagen für Fragen an Veranstalter*innen. In der Schweiz sind z. B. Pro Infirmis oder Inclusion Handicap gute Adressen für Grundlagen zu Barrierefreiheit. Für rechtliche Fragen lohnt sich manchmal ein Blick in die AGBs der Veranstalter*innen oder eine kurze Nachfrage bei lokalen Kulturvereinen.

Partizipative Performances können unglaublich bereichernd sein — sie öffnen Räume der Begegnung und des gemeinschaftlichen Erlebens. Mit ein paar gezielten Fragen und dem Blick für Details lässt sich oft schon vor der Anmeldung viel klären. Ich hoffe, meine persönlichen Kriterien und die Checkliste helfen dir, sicherere und inklusivere Veranstaltungen für dich auszusuchen — und nötigenfalls klar Grenzen zu setzen, wenn etwas nicht passt.