Partizipative Bewegungsperformances sind für mich eine der faszinierendsten Spielarten zeitgenössischer Bühne: Sie öffnen den Raum, laden das Publikum ein, Körperlichkeit zu erfahren, und schaffen Begegnungen, die oft intensiv und verletzlich sind. Gerade diese Nähe aber bringt Verantwortung mit sich. In meinen Recherchen und Praxisbesuchen habe ich immer wieder festgestellt: Ohne klare Versicherungsregelungen und Sicherheitskonzepte geraten solche Projekte schnell in rechtliche Grauzonen — und gefährden Menschen. In diesem Beitrag teile ich praxisnahe Überlegungen dazu, welche konkreten Versicherungen und Sicherheitsmaßnahmen nötig sind, damit alle Teilnehmenden geschützt sind.
Warum Versicherungen und Sicherheitskonzepte bei partizipativen Formaten anders sind
Partizipative Performances unterscheiden sich von traditionellen Produktionen durch die aktive Beteiligung nicht-professioneller Personen. Das heißt: das Risiko ist verteilt, die Interaktionsdichte hoch, und oft fehlen formale Verträge oder klare Rollenbeschreibungen. Ich habe erlebt, wie schnell Unklarheiten entstehen — wer haftet bei einem Sturz auf rutschigem Boden? Wer deckt Verletzungen bei Kontaktimprovisation? Wer übernimmt Kosten bei psychischen Überwältigungsreaktionen nach intensiven Szenen?
Deshalb müssen Versicherungen und Sicherheitskonzepte speziell auf diese Formate zugeschnitten sein. Es reicht nicht, die klassische Veranstalterhaftpflicht zu haben und zu hoffen, dass alles gut geht.
Unverzichtbare Versicherungen
Aus meiner Sicht sollten folgende Versicherungen in jedem partizipativen Projekt geprüft und wenn nötig abgeschlossen werden:
Betriebshaftpflicht / Veranstalterhaftpflicht: Deckt Personen- und Sachschäden, die Dritten durch die Veranstaltung entstehen. Achte darauf, dass die Police ausdrücklich partizipative Formate und freiwillige Teilnehmende einschliesst.Produkthaftpflicht (bei technischen Komponenten): Wenn Materialien, Requisiten oder gebaute Geräte Teil der Performances sind, schützt diese Versicherung bei Fehlfunktionen oder Materialversagen.Unfallversicherung für Teilnehmende: Freiwillige sind nicht automatisch über die Produktionsversicherung geschützt. Kläre, ob eine separate Unfallversicherung für Ehrenamtliche oder Workshop-Teilnehmende nötig ist — oder ob eine Zusatzklausel in der Veranstalterhaftpflicht genügt.Berufshaftpflicht für die Künstler*innen: Für professionelle Performer*innen und Choreograph*innen wichtig, insbesondere wenn sie Anleitung, Körperarbeit oder physische Kontakte anbieten.Rechtsschutzversicherung: Hilfreich, falls es zu Haftungsstreitigkeiten kommt und juristische Beratung oder Prozesskosten anfallen.Miet- und Sachversicherung: Deckt Ausrüstung, Requisiten und Raumschäden ab — wichtig bei ungewöhnlichen Setups oder Außenperformances.Marken und Anbieter: In der Schweiz arbeite ich oft mit Versicherungen wie der Zurich, AXA oder Mobiliar; sie bieten Veranstalterlösungen an. Für spezialisierte Kulturversicherungen lohnt es sich, mit Kultursektionen in Versicherungsfirmen oder spezialisierten Maklern zu sprechen — z. B. Kulturversicherungspakete, die Risiken bei partizipativen Formaten berücksichtigen.
Wesentliche Elemente eines Sicherheitskonzepts
Versicherungen sind nur ein Teil der Lösung. Ein dokumentiertes Sicherheitskonzept verhindert viele Risiken bereits im Vorfeld. Für mich gehören folgende Bestandteile unbedingt dazu:
Risikoanalyse (Risk Assessment): Vor jedem Projekt analysiere ich gemeinsam mit dem Team mögliche Gefährdungen: rutschige Flächen, enge Räume, psychisch belastende Inhalte, Körperkontakte, Hitze, Lärm etc. Für jede Gefährdung notieren wir Eintrittswahrscheinlichkeit und Schwere der möglichen Folgen.Teilnehmendenprofil und Einwilligung: Informierte Einwilligung (Informed Consent) ist zentral. Die Teilnehmenden müssen über mögliche körperliche und seelische Belastungen informiert werden. Ich arbeite mit klaren Informationsblättern und schriftlichen oder digitalen Einverständniserklärungen, in denen Risiken, Altersbeschränkungen und gesundheitliche Ausschlusskriterien genannt sind.Sicherheitsleitfaden für das Team: Alle Mitarbeitenden, inklusive Freiwilliger, erhalten einen klaren Leitfaden: Notfallkontakte, Evakuierungswege, Rollen im Notfall, grundlegende Erste-Hilfe-Massnahmen.Training und Briefings: Vor Performances führe ich obligatorische Briefings und, falls nötig, praktische Trainings durch (z. B. Umgang mit Körperkontakt-Techniken, sichere Hebetechniken, Deeskalation).Ressourcen für psychische Nachsorge: Manche Performances können emotional herausfordernd sein. Ich organisiere Zugänge zu Gesprächsangeboten oder eine Anlaufperson vor Ort, die für Nachbesprechungen zur Verfügung steht.Hygiene- und Gesundheitsprotokolle: Besonders bei physischen Interventionen: Desinfektion von Materialien, klare Kleidungs- und Schuhvorschriften, Pausenregelungen.Technische Sicherheit: Bei Bühnenbau, Beleuchtung, Lautsprecher- oder Videotechnik: Prüfungen durch qualifizierte Techniker*innen, Sicherungspunkte, Kabelmanagement.Praktische Tools und Dokumente, die ich verwende
In meinen Projekten haben sich einige konkrete Dokumente als nützlich erwiesen:
Checkliste für Risk Assessment: Ein standardisiertes Formular, das vor jeder Vorstellung ausgefüllt wird (Ort, Witterung, Anzahl Teilnehmende, besondere Gefahren, verantwortliche Person).Informed Consent Formular: Kurz, klar und in der Sprache der Zielgruppe. Enthält Hinweise zu gesundheitlichen Risiken, Fotografien/Datenschutz, Rücktrittsmöglichkeiten.Notfallplan als One-Pager: Ein laminierter Zettel im Backstage-Bereich mit Notrufnummern, Evakuierungsroute, nächster Arzt/Spital und Standort eines Erste-Hilfe-Kits.Teilnehmenden-Registrierung: Für Outdoor-Performances oder Aktionen mit vielen Personen: eine Liste mit Kontaktangaben, Allergien oder besonderen Hinweisen.Besondere Herausforderungen bei öffentlichen Plätzen und Outdoors
Auf öffentlichen Flächen gelten zusätzliche Anforderungen: Bewilligungen, Verkehrssicherungspflicht, Konflikte mit Passant*innen. Ich empfehle hier:
Frühzeitige Kommunikation mit lokalen Behörden (Strassenverkehrsamt, Gemeinde, Polizei).Sicherung der Peripherie: Absperrungen, Beschilderung, Marshals, die auf Aufmerksamkeit von Passant*innen achten.Versicherungsabdeckung prüfen: Manche Policen schließen Risiken auf öffentlichen Plätzen aus — in solchen Fällen braucht es eine Erweiterung.Wie man Teilnehmende aktiv einbindet in die Sicherheit
Sicherheit ist nicht nur Aufgabe der Produzent*innen — sie entsteht auch durch Achtsamkeit der Teilnehmenden. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, Sicherheit spielerisch und respektvoll einzubauen:
Kurze Sicherheitsrituale zu Beginn: Warm-up mit Fokus auf Grenzen, Signale vereinbaren (z. B. Handzeichen bei Überforderung).Selbstverpflichtungen: Wer teilnimmt, akzeptiert einfache Regeln (kein Alkohol vor Aktivitäten, respektvoller Körperkontakt, sofortige Ansage bei Schmerzen).Peer-Support-Modelle: Erfahrenere Teilnehmende begleiten Einsteiger*innen und können in kritischen Momenten vermitteln.Rechtliche Hinweise und Dokumentation
Dokumentation ist Gold: Fotos der Bühnenanlage, Protokolle von Risk Assessments, unterschriebene Einverständniserklärungen. Im Fall einer Schadensmeldung erleichtern diese Unterlagen die Kommunikation mit Versicherungen und schützen das Projekt vor unbegründeten Forderungen. Ich rate außerdem, vorab juristische Beratung einzuholen — speziell wenn Elemente wie körperliche Kontakte, Nacktheit oder psychisch belastende Inhalte Teil der Performance sind.
In meinen Projekten ist das Zusammenspiel von Versicherungen, präziser Risikoanalyse und partizipativen Sicherheitspraktiken entscheidend. Nur so bleibt die Einladung zur Teilnahme auch eine Einladung zum sicheren Erleben — und Kultur kann ihren Experimentierraum öffnen, ohne Menschen zu gefährden.