Als kleine Veranstalterin, die regelmässig Tanzresidenzen organisiert, begegne ich immer wieder derselben Herausforderung: Wie verhandle ich faire Kooperationsbedingungen mit einem Sportverein, der Platz, Infrastruktur und lokale Vernetzung bietet, aber ganz andere Prioritäten hat als wir Kulturschaffenden? In diesem Text teile ich meine Erfahrungen, Praxis-Tipps und konkrete Formulierungsvorschläge, damit die Zusammenarbeit für beide Seiten wertschätzend und tragfähig wird.
Vorbereitung: Wissen schaffen, bevor du verhandelst
Bevor ich zum ersten Treffen fahre, recherchiere ich gründlich: Wer ist der Verein, welche Räume stehen zur Verfügung (Turnhalle, Nebenraum, Garderobe), wie sieht deren Kalender aus und welche bisherigen Kooperationen gab es? Ich kläre auch intern: Was sind meine absoluten Muss-Punkte (z. B. fixe Probetage, Technikbedarf, Versicherung) und wo kann ich flexibel sein (z. B. Kostenbeteiligung, Vermittlungsaktivitäten)?
Das hilft mir, mit klaren Zielen aufzutreten. Es wirkt professionell und reduziert das Risiko, dass spontane Zusagen später zum Problem werden.
Erstes Gespräch: Auf Augenhöhe beginnen
Beim ersten Treffen stelle ich mich und mein Projekt kurz, präzise und bildhaft vor. Wichtig ist, den Nutzen für den Sportverein zu betonen: lokale Sichtbarkeit, gebündelte Besucherinnen, mögliche Mitgliedervorteile (ermässigte Tickets, eigene Schnupperkurse), Infrastrukturpflege durch gemeinsame Nutzung.
Ich frage offen nach ihren Erwartungen: Wollen sie Einnahmen erzielen? Ist es ihnen wichtig, Jugendlichen Zugang zu Kultur zu ermöglichen? Welches Risikobewusstsein haben sie? So erkennen wir gegenseitige Schnittmengen.
Worüber du verhandeln musst (Kernthemen)
- Raumnutzung & Zeiten: Welche Räume genau? Exakte Daten und Uhrzeiten (inkl. Aufbau- und Abbauzeiten) sind essenziell. Ich bestrebe fixe Slots, aber halte einen Puffer für Trainings-Events bereit.
- Kosten & Gegenleistungen: Wird eine Raummiete fällig oder gibt es Sachleistungen (Heizung, Reinigung, Technik) im Tausch gegen Programmleistungen wie Workshops für Mitglieder? Ich notiere immer Monetäres und Sachleistungen getrennt.
- Technik & Infrastruktur: Soundanlage, Spiegel, Boden (Tanzboden vs. Hallenboden), Licht — wer bringt was mit? Bei Tanz sind Bodenschonende Massnahmen oft verhandelbar (Flotex, Tanzbodenbedarf).
- Haftung & Versicherung: Wer haftet bei Unfällen? Ich bestehe auf einer Klärung, ob mein Ensemble über eine KSK/SSP-Versicherung oder die Vereinsversicherung abgedeckt ist. Lieber schriftlich festhalten.
- Publizität & Markierung: Nutzung des Vereinslogos, Social-Media-Pushes, Aushänge im Vereinslokal — wie oft und wer produziert Content?
- Reinigung & Pflege: Wer reinigt nach Proben? Wer ersetzt Schäden am Hallenboden?
- Unterbringung & Catering (falls nötig): Sind Schlafplätze oder kantinenartige Verpflegung möglich oder müssen wir extern organisieren?
- Exklusivität & Konkurrenz: Darf der Verein parallel andere kommerzielle Veranstaltungen ansetzen, die unser Publikum stören?
- Auswertung & Weiteres: Wie messen wir Erfolg (Besucherzahlen, Mitgliederfeedback)? Gibt es eine Option für Folgeprojekte?
Konkrete Formulierungsvorschläge für Vereinbarungen
In Gesprächen verwende ich einfache, klare Sätze. Beispiele, die mir oft helfen:
- „Wir benötigen die Halle an folgenden Tagen inkl. 1 Stunde Aufbau und 1 Stunde Abbau: …“
- „Die Nutzung beinhaltet folgende Infrastruktur: Lautsprecher (X Watt), Stühle (Y Stück), Spiegel (falls vorhanden). Eventuelle zusätzliche Technik wird von uns organisiert.“
- „Für den Schutz des Hallenbodens verwenden wir einen mobilen Tanzboden: Kosten trägt …“
- „Für Haftungsfragen: Wir sind über [Versicherungname] versichert. Eine gegenseitige Haftungsfreistellung für Schäden durch normale Nutzung wird vereinbart.“
- „Öffentlichkeitsarbeit: Der Verein nennt die Residenz in seinem Newsletter (min. 1 Erwähnung) und teilt mindestens 2 Posts auf Social Media während der Residenz.“
Einfaches Vertragsmuster (Übersicht)
| Thema | Verein | Veranstalterin (ich) |
|---|---|---|
| Raum & Datum | Turnhalle A, 10.–20. September, inkl. Aufbau/Abbau | Festlegung gemäß Anhang A |
| Miete / Gegenleistung | Keine Miete / Öffentlichkeitsarbeit, 2 Workshops für Mitglieder | Übernahme kleiner Materialkosten, Versicherung |
| Technik | Grundsound, Licht (Basis) | Mobilen Tanzboden + Speziallicht selbst |
| Haftung | Vereinsversicherung deckt Vereinsinterne Risiken | Ich stelle Nachweis meiner Veranstaltungshaftpflicht |
| Reinigung | Standardreinigung nach Vereinssatz | Zusätzliche Endreinigung falls erforderlich |
Verhandlungstaktiken, die bei mir funktionieren
- Small wins zuerst: Ich sichere mir zuerst zeitliche Rahmenbedingungen und minimale Infrastruktur. Kleinere Zugeständnisse kommen oft später.
- Gegenseitigen Nutzen herausstellen: Wenn ich vermitteln kann, dass Vereinsmitglieder profitieren (Rabatte, Mitgestaltung), steigt die Bereitschaft zur Kooperation.
- Transparenz über Kosten: Ich lege ungefähre Budgetzahlen offen (z. B. technischer Zusatzbedarf), damit der Verein versteht, warum ich um Unterstützung bitte.
- Schriftlich festhalten: Mündliche Zusagen sind nett, aber nichts ersetzt eine einfache E-Mail mit den Punkten oder ein kleines Memorandum of Understanding.
Praktische Hinweise für den Alltag der Residenz
Während der Residenz pflege ich den Kontakt: kurze Status-Mails an die Vereinsleitung, regelmäßige Updates an Social Media und ein kleines Dankeschön an das Reinigungspersonal nach Abschluss. Solche Gesten stärken das Vertrauen und erleichtern Folgeprojekte.
Wenn Probleme auftreten (z. B. plötzlich belegte Räume), wähle ich eine lösungsorientierte Sprache: „Wie könnten wir das anpassen?“ statt „Das ist nicht akzeptabel“. Das öffnet Türen.
Make it sustainable: Perspektive für langfristige Zusammenarbeit
Langfristig lohnt sich ein Rahmenvertrag mit klaren Abläufen für wiederkehrende Residenzen: Rabatte bei langfristiger Nutzung, Jahresplanungsmeetings, gemeinsame Fördergesuche. Ich habe mit einigen Sportvereinen sehr gute Erfahrungen gemacht, indem wir gemeinsam Fördergelder für Kultur- und Jugendarbeit beantragt haben — das erhöht die Legitimation auf Vereinsseite erheblich.
Wenn du magst, kann ich dir auch eine Muster-E-Mail oder ein Template für ein Memorandum of Understanding schicken, das du an deine Verhandlungspartner anpassen kannst.