Als jemand, die oft mit Tanzenden, Performern und Choreograf*innen über ihre Suche nach Raum und Zeit zum Arbeiten spricht, weiss ich: kleine Residencies sind für Bewegungskunst Gold wert. Sie erlauben experimentelles Forschen, das Ausprobieren von Material in Ruhe und manchmal das erste konkrete Treffen mit einem lokalen Publikum. In Zürich gibt es zwar nicht das eine zentrale Programm für alle, aber mit der richtigen Strategie findet man überraschend viele Nischen – von halbtägigen Proberäumen bis zu zweiwöchigen Arbeitsaufenthalten mit Präsentation. Hier teile ich, wie ich vorgehe, welche Orte und Förderstellen ich anfrage und wie eine erfolgreiche Bewerbung aussehen kann.

Wo ich zuerst suche: Orte und Akteur*innen in Zürich

Statt nur auf grosse Institutionen zu starren, kombiniere ich drei Suchen: 1) etablierte Kulturhäuser, 2) Off- und Zwischennutzungen, 3) Stiftungen und Förderprogramme. In Zürich zählen für Bewegungskunst besonders:

  • Tanzhaus Zürich – zwar eher gross, aber wichtig: Programme, Kontakte zu freien Künstler*innen und gelegentliche Residenzangebote oder Ko-Produktionen.
  • Rote Fabrik – Kulturzentrum mit offenem Blick auf alternative Projekte; ideal für experimentelle Formate und Dialog mit einem neugierigen Stadtpublikum.
  • Theater am Neumarkt / Schauspielhaus-Zürich – wenn es um performative Forschung mit szenischem Fokus geht, lohnt ein Gespräch, auch wenn nicht jede Anfrage zu einer Residency führt.
  • Kultur Stadt Zürich & Kanton Zürich – diese Institutionen listen oft Fördermöglichkeiten und Kooperationsprojekte; sie vermitteln auch Kontaktlisten zu lokalen Produktionsorten.
  • Freie Off-Spaces – kleinere Projekträume, Ateliers und Zwischennutzungen: ich scanne lokale Mailinglisten, Facebook-Gruppen und Veranstaltungspläne von Kulturinitiativen, weil viele Residenzen hier „informell“ ausgeschrieben werden.
  • Wichtig: die Schweiz hat mehrere Stiftungen, die Residenz- oder Projektmittel geben – Pro Helvetia, Migros-Kulturprozent, Ernst Göhner Stiftung u.ä. sind häufige Förderer. Vieles läuft über persönliche Kontakte und Empfehlungen; eine Mail an die richtigen Programmleiter*innen kann Türen öffnen.

    Wie ich passende Residencies finde (Praktische Recherche)

    Meine Recherche folgt einem einfachen Muster, den ich hier mit dir teile:

  • Abonniere Newsletter: Tanzhaus, Rote Fabrik, Stadt Zürich Kultur, Tanznetzwerke. Oft werden Residenzen zuerst intern kommuniziert.
  • Nutze Netzwerkplattformen: X (Twitter), Facebook-Gruppen für freie Tanzszene, LinkedIn. In der Schweizer Szene sind Gruppen mit lokalen Veranstalter*innen nützlich.
  • Besuche Aushänge vor Ort: kleine Theater und Kulturzentren hängen Residency-Calls physisch aus – vor allem im Sommer.
  • Kontaktiere ehemalige Resident*innen: Erfahrungsberichte zeigen meist, wie flexibel der Ort wirklich ist (z. B. proben nur 4–6 Std./Tag, keine Übernachtung etc.).
  • Stell dir einen Filter auf: Distanz, technische Ausstattung (Boden, Deckenhöhe), Öffentlichkeit vs. geschlossene Forschungszeit und Budget/Logis.
  • Was ich in einer erfolgreichen Bewerbung schreibe

    Ich beobachte oft dieselben Schwächen: zu lange Konzepttexte, kein klarer Zeitplan oder fehlende praktische Angaben. Eine starke Bewerbung ist konkret, knapp und zeigt den Mehrwert für den Ort:

  • Prägnante Projektbeschreibung (max. 250–350 Wörter): Was willst du ausprobieren? Warum ist Zürich / dieser Raum dafür relevant?
  • Forschungsfragen & Ziele: Welche Erkenntnisse oder Materialien sollen am Ende stehen? (z. B. Du möchtest die Beziehung von Bodenmaterial und Falltechnik untersuchen).
  • Konkreter Zeitplan: Wochenübersicht mit Proben, Austausch mit dem Haus und einer kleinen öffentlichen Präsentation oder einem Open Studio, falls gewünscht.
  • Technische Anforderungen: Boden (Holz, Marley), Deckenhöhe, Licht, Sound, Anzahl Personen, Raumgrösse.
  • Budget & Infrastruktur: Tagegeld, Gagen, Unterkunft (falls verlangt), Materialkosten. Kleinere Orte schätzen klare Zahlen.
  • Arbeitsprobe: Kurzvideo (3–8 Minuten), Foto-Dossier, oder Link zu vorherigen Arbeiten. Lieber kurze, starke Ausschnitte als ein 40-minütiges Stück.
  • Motivation für die Wahl des Ortes: Warum gerade diese Residency? Welche Vernetzung strebst du an? (z. B. lokale Künstler*innen-Residenz, Austausch mit einer Klasse, Workshop für Amateure)
  • Kontaktinfos & Verfügbarkeit: klare Zeitfenster, Notfallkontakt, Social-Media-Links.
  • Tipps für das Material: wie ich Videos, Dossier und Budget gestalte

    Gerade bei Bewegungskunst entscheidet die Sichtbarkeit deiner Praxis. Ich empfehle:

  • Video in guter Lichtqualität, ein oder zwei klare Perspektiven, kein überproduziertes Material, damit die Jury deine Arbeit schnell einschätzen kann.
  • Ein kurzes Dossier (max. 4 Seiten) mit CV, Projekthistorie und zwei Referenzen (Kurzkontakte von Häusern, wo du schon gearbeitet hast).
  • Budget: transparent und realistisch. Beispielposten: Tagegeld (Eigen- und Fremdkosten), Raum- und Nebenkosten, Reisekosten, Material. Viele kleine Residenzen können nur einen Teil übernehmen — zeige, wie du den Rest decken willst.
  • Wie ich den ersten Kontakt formuliere

    Ich schreibe meist eine kurze, persönliche Mail, die Folgendes enthält:

  • Ein Satz, wer ich bin (z. B. Choreografin/Performerin),
  • ein bis zwei Sätze zum Projekt,
  • konkrete Zeitfenster,
  • ein Hinweis auf angehängtes Dossier oder Links,
  • ein Vorschlag für ein kurzes Kennenlerntelefonat oder Site-Visit.
  • Wichtig: Höflich bleiben, aber konkret. Fragen wie „Ist eine kurze Präsentation am Ende möglich?“ oder „Gibt es Möglichkeiten für eine Kooperation mit lokalen Tanzschulen?“ zeigen, dass du an Austausch interessiert bist.

    Netzwerken vor Ort: wie ich Chancen erhöhe

    Eine Residency ergibt sich oft aus Gesprächen. So erhöhe ich meine Chancen:

  • Ich besuche Open Studios, Vorstellungen und Aftertalks – dort trifft man oft die Programmleiter*innen.
  • Ich suche den Austausch mit anderen Resident*innen; manchmal vermitteln sie freie Slots.
  • Ich biete Workshops oder Mini-Performances an, auch gegen eine kleine Raummiete. So lernt das Publikum dich kennen und Orte merken sich deine Arbeit.
  • Ich pflege Kontakte zu Produzent*innen in Zürich; sie wissen oft von kurzfristigen Absagen und können einspringen.
  • Was ich bei der Residency selbst achte

    Wenn ich den Raum habe, setzte ich Prioritäten:

  • Zeitmanagement: morgens Forschung, nachmittags Dokumentation. Ich plane Pufferzeiten ein.
  • Dokumentation: tägliche Clips/Notizen helfen später bei Antragserneuerungen oder bei Berichten an Förderer.
  • Publikum: schon kleine Open Studios geben Feedback, das die Arbeit schärft. Ich empfehle mindestens eine öffentliche Begegnung.
  • Netzwerken: ich lade lokale Künstler*innen, Techniker*innen und die Hausleitung zu einem informellen Austausch ein.
  • Kurze Muster-Budgettabelle (Beispiel)

    PostenBetrag (CHF)
    Raummiete (2 Wochen)400–1200
    Gage (eigene/Assistenz)800–2000
    Reise & Unterkunft200–800
    Material & Technik100–600
    Dokumentation (Video/Foto)200–800

    Die Zahlen sind Richtwerte—kleine Residencies sind oft deutlich günstiger, grosse Häuser können mehr verlangen bzw. mehr bieten.

    Fehler, die ich oft sehe (und wie du sie vermeidest)

    Aus meinen Gesprächen mit Programmleitungen und Kolleg*innen habe ich einige häufige Stolperfallen notiert:

  • Zu vage Ziele: Formuliere klar, was die Residency für deine Forschung bringt.
  • Kein Plan B: Was passiert bei Krankheit, technischem Ausfall oder wenn die gewünschte Infrastruktur nicht verfügbar ist?
  • Keine Lokalisierung: Erkläre, warum Zürich/dieser Ort spezifisch wichtig ist.
  • Unvollständige Unterlagen: CV, Arbeitsprobe und Budget gehören zusammen in eine übersichtliche Mappe.
  • Wenn du diese Punkte beachtest, hast du schon einen grossen Vorsprung. Und: sei geduldig. Manche Plätze öffnen erst mitten in der Saison.