Als Kuratorin, die zwischen Tanzstudios, Fitnessräumen und Galerien pendelt, stelle ich mir seit Jahren dieselbe Frage: Wie lässt sich ein hybrides Programm gestalten, das Fitness, Tanz und bildende Kunst wirklich gleichwertig verbindet — und nicht eines dieser Felder zum bloßen Beiwerk degradiert?

Warum überhaupt hybrid?

Für mich liegt der Reiz hybrider Formate genau im Überschuss: körperliche Praxis trifft konzeptuelle Reflexion, Publikum wird zum mitbewegten Publikum, Ausstellungsraum wird zur Arena. In der Schweiz wie international beobachte ich ein wachsendes Interesse an Begegnungen zwischen Performance, Wellnesskultur und visueller Kunst — von Pop-up-Yoga in Museen bis zu partizipativen Tanzinstallationen. Hybrid bedeutet hier nicht nur "nebeneinander", sondern ein echtes Ineinandergreifen von Modalitäten.

Die Grundprinzipien meiner kuratorischen Arbeit

Wenn ich ein Programm plane, richte ich mich an einigen festen Prinzipien aus:

  • Gleichwertigkeit — Jede Disziplin bekommt eigene Spielräume und ebenso klare Schnittstellen.
  • Dialog — Künstlerinnen und Trainerinnen arbeiten gemeinsam in der Konzeptionsphase.
  • Zugänglichkeit — Sprache, Raumgestaltung und Teilnahmeformate sind inklusiv und niedrigschwellig.
  • Erfahrung vor Erklärung — Besuche sollen zuerst erlebt, dann eingeordnet werden.
  • Kuratorischer Ablauf: Von der Idee zur Umsetzung

    Mein Prozess beginnt selten mit einem fertigen Konzept. Oft ist es ein Ort, eine Person oder ein Stück Technik (etwa Wearables von Marken wie Fitbit oder Apple Watch), das den Ausgangspunkt bildet. Daraus entwickle ich folgende Schritte:

  • Recherche und Vernetzung — Ich spreche mit Tänzerinnen, Choreografinnen, Künstlern, Physiotherapeutinnen, Pädagoginnen und Fitnesstrainern. So entstehen gegenseitiges Verständnis und realistische Erwartungen.
  • Co-Kuration — Ich lade zwei bis drei Disziplin-Vertreter_innen als Kurator_innen auf Augenhöhe ein, z. B. eine bildende Künstlerin, eine Choreografin und eine Fitnesscoach.
  • Lab-Phase — In kleinen, offenen Probeläufen (workshops, open rehearsals) teste ich Formate mit Publikum, bevor das Programm finalisiert wird.
  • Produktion und Vermittlung — Bühne, Ausstellungsfläche, technische Infrastruktur (Licht, Sound, Sensorik) werden so geplant, dass sie hybrid nutzbar sind.
  • Raumplanung: Wie Räume miteinander kommunizieren

    Ein zentraler Knackpunkt ist der Raum. Ich arbeite gerne mit modularen Architekturen: mobile Trennwände, Bodenmarkierungen, flexible Sitzordnungen. Folgende Optionen haben sich bewährt:

  • Ein Hauptsaal für performative Aktionen, der auch als Trainingsfläche dient.
  • Galerieräume mit installativen Elementen, die Bewegungsaufgaben enthalten (z. B. Balance-Objekte, Kletter-Elemente).
  • Ruhezonen mit analoger Vermittlung (Texte, Zeichnungen) und digitalen Stationen (QR-Codes, kurze Videointerviews).
  • Wichtig ist, dass die Übergänge fließend sind: Besucherinnen können während einer Performance stehen bleiben und zweitweise selbst partizipieren — ohne das Erlebnis der anderen zu stören.

    Partizipation: Wie viel Mitmachen ist sinnvoll?

    Partizipation ist ein zweischneidiges Schwert. Zu viel verlangt von den Besucherinnen körperliche Expertise, zu wenig lässt das Feld der körperlichen Erfahrung leer. Ich empfehle drei Ebenen anzubieten:

  • Beobachten — klassische Zuschauerschaft mit Möglichkeit, Kontexttexte zu lesen oder Audioguides zu nutzen.
  • Mitmachen — kurze, gut angeleitete Sessions (15–30 Minuten), die keine Vorkenntnisse erfordern; ideal in Kooperation mit Fitnessstudios oder Tanzschulen wie Migros Fitness oder lokalen Offspaces.
  • Vertiefen — reservierbare Workshops für Interessierte, in denen Techniken erläutert und vertieft werden.
  • Programmelemente, die funktionieren

    Aus meinen Projekten heraus haben sich einige Formate als besonders fruchtbar erwiesen:

  • Guided Scores — schriftliche oder audiovisuelle Anweisungen, die Besucherinnen zu Bewegungsaufgaben im Raum leiten. Das verbindet bildende Kunst (Konzept) und Tanz (Ausführung).
  • Wearable-Integration — Pulsmesser oder Schrittzähler liefern Daten, die visuell in Echtzeit in eine Installation eingespeist werden (Achtung: Datenschutz & Einwilligung beachten!).
  • Soundwalks — choreografierte Klanglandschaften, die Bewegungen triggern und reflektieren.
  • Duette — Performances, in denen professionelle Tänzerinnen mit Fitnesscoaches oder Laien gemeinsame Sequenzen entwickeln.
  • Vermittlung und Sprache

    Ich lege großen Wert darauf, dass die Vermittlung die hybride Struktur widerspiegelt. Das heißt: kurze, prägnante Texte für den Einstieg; vertiefende Essays für Interessierte; und einfache Bewegungsanleitungen in Bild- und Videoformat. Audioformate — etwa Interviews mit Choreografinnen oder Soundscans — laden außerdem zum Hören und Bewegen ein.

    Technik und Barrierefreiheit

    Technik ist ein Werkzeug, kein Zweck. In meinen Projekten nutze ich:

  • Mehrkanal-Sound (für räumliche Differenzierung),
  • Projektoren und LED-Panels (für visuelle Rückkopplungen),
  • Sensoren (Datenvisualisierung) — mit klarer Einwilligung.
  • Barrierefreiheit plane ich von Anfang an: taktile Markierungen, einfache Sprache, Sitzmöglichkeiten, Gebärdensprachdolmetschung bei Performances und Audio-Deskription für visuelle Arbeiten. Diese Maßnahmen öffnen das Programm — und verbessern es für alle.

    Finanzierung und Partnerschaften

    Hybride Formate sind oft teurer als konventionelle Ausstellungen. Ich kombiniere mehrere Finanzierungsquellen:

  • Förderbeiträge (Kulturförderung der Kantone, Pro Helvetia),
  • Corporate Partnerships (z. B. lokale Sportmarken oder Gesundheitszentren),
  • Ticketing mit abgestuften Preismodellen (Community-Preise, Full-Access-Pässe),
  • Sachspenden (Equipment von lokalen Studios, Kooperationen mit Tanzschulen).
  • Wichtig ist, die Partnerschaften transparent zu machen — wer finanziert was und ob Inhalte dadurch beeinflusst werden könnten.

    Evaluation: Wie messe ich Erfolg?

    Ich messe Erfolg nicht nur in Besucherzahlen. Wichtige Indikatoren sind:

  • Teilnehmerfeedback (qualitativ),
  • Wiederkehrende Teilnahme an Workshops,
  • Mediale Resonanz und inhaltliche Diskussionen,
  • Netzwerkzuwachs: neue Kooperationen zwischen Tänzerinnen, Künstlern und Fitnessanbieterinnen.
  • Ich sammele Daten über Umfragen, Videoaufzeichnungen (nur mit Einwilligung) und Gesprächsprotokolle aus den Lab-Phasen. Diese Erkenntnisse fließen in Folgeprojekte ein.

    Drei praktische Tipps zum Schluss

    Zum Abschluss — ohne abschließen zu wollen — gebe ich drei pragmatische Hinweise, die sich in meinen Projekten wiederholt bewährt haben:

  • Beginne klein, iteriere schnell — Prototypen sparen Geld und schaffen Lernmomente.
  • Gib Disziplinen Zeit — erwarte nicht, dass Tanz sofort "Kunst" oder Fitness sofort "Performance" wird; lass Überschneidungen reifen.
  • Dokumentiere Prozesse — Fotos, Texte und Gespräche sind zugleich Archiv und Vermittlungsinstrument.
  • Bei allen Projekten ist mir eins besonders wichtig: Respekt vor den Körpern, die Teil des Programms sind. Ob sie professionell oder Laien sind — die Kuratorin muss sichere Rahmenbedingungen schaffen, die künstlerische Freiheit ermöglichen und zugleich körperliche Integrität schützen. So entsteht ein hybrides Programm, das Fitness, Tanz und bildende Kunst nicht nur nebeneinanderstellt, sondern in einen fruchtbaren Dialog bringt.